100. Geburtstag des Heiligen Papstes Johannes Paul II.

Hier finden Sie zunächst als download eine Novene (neuntägiges Gebet) zum 100. Geburtstag. Sie liegt zur Mitnahme auch in unseren Kirchen aus.

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Am 18. Mai 2020 feiern wir den 100. Geburtstag von Karol Wojtyla. Als Heiliger Papst Johannes Paul II. dürfen wir inzwischen auf seine Fübitte vertrauen. Die Reliquie, die wir in unserer Pfarrei haben, bringt ihn uns in besonderer Weise nahe, will aber auch zugleich einladen zum Gebet besonders in seinen Anliegen - die Kirche, die Familien, die Freiheit des Menschen, der Schutz des menschlichen Lebens in all seinen Phasen und all seinen Ausprägungen.

Als junger Priester und Bischof erlebt Karol Wojtyla die Unmenschlichkeit totalitärer Systeme am eigenen Leib. Nach seiner Wahl zum Papst stellt sich Johannes Paul II. (1920-2005) diesen Systemen mit seiner ganzen Autorität entgegen.

In schwierigsten gesellschaftlichen und politischen Situationen bringt er den Kern der christlichen Botschaft zur Sprache – unerschrocken und mit großer Selbstverständlichkeit. Immer geht es ihm um den Menschen in seiner Einmaligkeit und Würde.

Be not afraid! - Hab keine Angst! Unter diesem Motto stand sein Pontificat. Schon am Tag seiner Amtseinführung am 22. Oktober 1978 rief er diese Worte den Menschen zu. Angst lähmt auch den glaubenden Menschen. Niemand, erst recht nicht der Glaubende, muss Angst haben. Gott steht auf der Seite des Menschen, besonders dann, wenn er sich für die Freiheit des Menschen einsetzt. So konnte Johannes Paul II. unter anderem seinen Beitrag dazu leisten, dass der sogenannte eiserne Vorhang zwischen Ost und West fiel. Hab Keine Angst!

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.

AM BEGINN DES PONTIFIKATS

Sonntag, 22. Oktober 1978

 

1. »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes« (Mt 16,16).

Diese Worte hat Simon, der Sohn des Jona, in der Gegend von Cäsarea Philippi ausgerufen. Ja, er hat sie in seiner eigenen Sprache formuliert, aus einer tiefen, lebendigen und bewußten Überzeugung — und doch haben sie nicht in ihm ihre Quelle, ihren Ursprung, »… denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel« (Mt 16,17). Das waren Worte des Glaubens.

Sie bezeichnen den Anfang der Sendung Petri in der Heilsgeschichte, in der Geschichte des Gottesvolkes. Damit, beginnend mit diesem Glaubensbekenntnis, sollte die Geschichte unserer Erlösung und die des Gottesvolkes eine neue Dimension erhalten: die Entfaltung der historischen Dimension der Kirche. Die ekklesiologische Dimension in der Geschichte des Gottesvolkes hat in diesem Glaubensbekenntnis ihren Ursprung und Anfang und ist mit jenem Menschen verknüpft, der gesagt hat: »Du bist Petrus — der Fels, der Stein —, und darauf, wie auf einem Felsen, werde ich meine Kirche bauen.«

2. Heute und an dieser Stelle müssen wir dieselben Worte von neuem aussprechen und hören: »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.«

Ja, liebe Brüder, Söhne und Töchter, auf diese Worte kommt es an!

Ihr Inhalt öffnet unseren Augen das Geheimnis des lebendigen Gottes, ein Geheimnis, mit dem uns der Sohn vertraut gemacht hat. Niemand hat uns Menschen den lebendigen Gott so nahe gebracht, niemand ihn so offenbart, wie er es getan hat. Bei unserer Gotteserkenntnis, auf unserem Weg zu Gott sind wir völlig abhängig von der Kraft dieser Worte. »Wer mich sieht, sieht auch den Vater!« Der Unendliche, der Unergründliche, der Unfaßbare ist uns in Jesus Christus nahe gekommen, in seinem eingeborenen Sohn, geboren von der Jungfrau Maria im Stall von Betlehem. 

– Ihr alle, die ihr schon das unschätzbare Glück des Glaubens habt,

– ihr alle, die ihr Gott noch sucht,

– und auch ihr, die ihr von Zweifeln geplagt seid:

nehmt noch einmal — heute und an dieser Stelle — jene Worte in euch auf, die Petrus ausgerufen hat. Diese Worte enthalten den Glauben der Kirche. In ihnen ist die neue Wahrheit, ja sogar die letzte und endgültige Wahrheit vom Menschen enthalten: Sohn des lebendigen Gottes. »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!«

3. Heute beginnt der Bischof von Rom mit dieser offiziellen Feier den Dienst seines Petrusamtes. Gerade in dieser Stadt hat Petrus den vom Herrn empfangenen Auftrag durchgeführt und vollendet.

Der Herr wandte sich einmal mit folgenden Worten an ihn: als du jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst« (Joh 21,18).

Petrus ist nach Rom gekommen!

Nur der Gehorsam gegenüber dem Auftrag des Herrn hat seine Schritte geführt und ihn bis zu dieser Stadt gelangen lassen, dem Herzen des Römischen Reiches. Vielleicht wäre er lieber dort geblieben, an den Ufern des Sees von Gennesaret, bei seinem Boot mit den Fischernetzen. Aber unter der Führung des Herrn und seinem Auftrag getreu ist er hierhergekommen!

Nach einer alten Überlieferung (die auch eine wunderbare literarische Form in einem Roman von Henryk Sienkiewicz gefunden hat) wollte Petrus während der Verfolgung des Nero die Stadt Rom verlassen. Da aber griff der Herr ein: er ging ihm entgegen. Petrus sprach ihn an und fragte: »Quo vadis, Domine?« — »Wohin gehst du, Herr?« und der Herr antwortete sofort: »Ich gehe nach Rom, um dort ein zweites Mal gekreuzigt zu werden.« Da kehrte Petrus nach Rom zurück und ist dort bis zu seiner Kreuzigung geblieben.

Ja, liebe Brüder, Söhne und Töchter! Rom ist der Bischofssitz des Petrus. Im Laufe der Jahrhunderte sind ihm immer neue Bischöfe auf diesem Sitz nachgefolgt. Heute nimmt wieder ein neuer Bischof Besitz von der römischen Kathedra des Petrus, ein Bischof, erfüllt von Furcht und Zagen, seiner Unzulänglichkeit bewußt. Wie sollte er nicht erschrecken vor der Größe seiner Berufung, vor der universellen Sendung, die mit diesem römischen Bischofssitz verbunden ist!

Die Kathedra des Petrus hier in Rom besteigt heute ein Bischof, der kein Römer ist, ein Bischof, der aus Polen stammt. Aber von jetzt an wird auch er zum Römer. Ja, Römer! Auch schon deshalb, weil er Sohn eines Volkes ist, dessen Geschichte von Anfang an und in tausendjähriger Tradition geprägt ist von einer lebendigen, starken, ununterbrochenen, bewußten und gewünschten Bindung an den Sitz des hl. Petrus, eines Volkes, das dieser römischen Kathedra immer treu geblieben ist. Oh, wie unerforschlich ist der Plan der göttlichen Vorsehung!

4. In den vergangenen Jahrhunderten wurde der Nachfolger Petri, wenn er von seinem Bischofsstuhl Besitz ergriff, mit der Tiara gekrönt. Als letzter empfing sie Papst Paul VI. im Jahre 1963. Nach dem feierlichen Krönungsritus hat er jedoch die Tiara nicht mehr getragen, wobei er seinen Nachfolgern hierzu aber jede Entscheidungsfreiheit ließ.

Papst Johannes Paul I., dessen Andenken noch so lebendig in unseren Herzen ist, hat die Tiara nicht gewollt, und heute will sie auch sein Nachfolger nicht. Es entspricht nicht mehr der Zeit, einen Ritus wieder aufzugreifen, der (wenn auch unberechtigterweise) als Symbol der weltlichen Macht der Päpste angesehen worden ist.

Unsere Zeit lädt uns dazu ein, drängt und verpflichtet uns, auf den Herrn zu schauen und uns in eine demütige und ehrfürchtige Betrachtung des Geheimnisses der höchsten Gewalt Jesu Christi selbst zu vertiefen.

Er, der aus der Jungfrau Maria geboren wurde, der Sohn des Zimmermanns — wie man glaubte —, der Sohn des lebendigen Gottes — wie Petrus bekannte —, ist gekommen, um uns alle zu einem »königlichen Priestertum« zu machen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns das Geheimnis dieser Herrschergewalt wiederum in Erinnerung gebracht und auch die Tatsache, daß die Sendung Christi als Priester, prophetischer Lehrer und König in der Kirche fortdauert. Alle, das ganze Volk Gottes, haben Anteil an dieser dreifachen Sendung. In der Vergangenheit hat man vielleicht dem Papst die Tiara, die dreifache Krone, aufs Haupt gesetzt, um durch diese symbolische Geste den Heilsplan Gottes für seine Kirche zum Ausdruck zu bringen, daß nämlich die ganze hierarchische Ordnung der Kirche Christi, die ganze in ihr ausgeübte »heilige Gewalt« nichts anderes ist als Dienst, ein Dienst, der nur das eine Ziel hat: daß das ganze Volk Gottes an dieser dreifachen Sendung Christi Anteil habe und immer unter der Herrschaft des Herrn bleibe, die ihre Ursprünge nicht in den Mächten dieser Welt, sondern im Geheimnis des Todes und der Auferstehung hat.

Die uneingeschränkte und doch milde und sanfte Herrschaft des Herrn ist die Antwort auf das Tiefste im Menschen, auf die höchsten Erwartungen seines Verstandes, seines Willens und Herzens. Sie spricht nicht die Sprache der Gewalt, sondern äußert sich in Liebe und Wahrheit.

Der neue Nachfolger Petri auf dem Bischofsstuhl in Rom betet heute innig, demütig und vertrauensvoll: »Christus! laß mich ganz Diener deiner alleinigen Herrschaft werden und sein! Diener deiner sanften Herrschaft! Diener deiner Herrschaft, die keinen Untergang kennt! Laß mich Diener sein! Mehr noch ein Diener deiner Diener!«

5. Brüder und Schwestern! Habt keine Angst, Christus aufzunehmen und seine Herrschergewalt anzuerkennen!

Helft dem Papst und allen, die Christus und mit der Herrschaft Christi dem Menschen und der ganzen Menschheit dienen wollen!

Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!

Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht! Habt keine Angst! Christus weiß, »was im Innern des Menschen ist«. Er allein weiß es!

Heute weiß der Mensch oft nicht, was er in seinem Innern, in der Tiefe seiner Seele, seines Herzens trägt. Er ist deshalb oft im Ungewissen über den Sinn seines Lebens auf dieser Erde. Er ist vom Zweifel befallen, der dann in Verzweiflung umschlägt. Erlaubt also — ich bitte euch und flehe euch in Demut und Vertrauen an —, erlaubt Christus, zum Menschen zu sprechen! Nur er hat Worte des Lebens!

In der Tat, Worte ewigen Lebens! Gerade heute feiert die ganze Kirche ihren Weltmissionstag. Sie betet, meditiert und setzt sich dafür ein, daß die Worte des Lebens von Christus alle Menschen erreichen und von ihnen als Botschaft der Hoffnung, des Heils und der völligen Befreiung angenommen werden.

6. Ich danke allen Anwesenden, die an dieser feierlichen Messe zur Übernahme des Dienstamtes des neuen Nachfolgers Petri teilnehmen wollten.

Von Herzen danke ich den Staatsoberhäuptern, den Vertretern der Obrigkeit, den Regierungsdelegationen für ihre Anwesenheit, die mich sehr ehrt.

Dank euch, ehrwürdige Kardinäle der heiligen, römischen Kirche!

Dank euch, geliebte Brüder im Bischofsamt!

Dank euch, Priester!

Dank euch, Schwestern und Brüder, Ordensmänner und Ordensfrauen!

Dank euch Römern!

Dank euch Pilgern, die aus aller Welt hierhergekommen sind!

Dank allen, die durch Radio und Fernsehen mit dieser Liturgiefeier verbunden sind! [Der Papst fuhr in polnischer Sprache fort:]

7. Ich wende mich nun an euch, meine geliebten Landsleute, an die Pilger aus Polen, die Brüder im Bischofsamt unter der Leitung eures hervorragenden Primas, die Priester, Schwestern und Brüder, der polnischen Ordensgemeinschaften – euch, Vertreter Polens aus der ganzen Welt. Was sage ich euch, die ihr aus meiner Stadt Krakau hierhergekommen seid, vom Bischofssitz des hl. Stanislaus, dessen unwürdiger Nachfolger ich für 14 Jahre gewesen bin? Was sage ich? Alles, was ich euch sagen könnte, verblaßt im Vergleich zu dem, was mein Herz und eure Herzen in diesem Augenblick empfinden. Lassen wir also die Worte! Es bleibe einzig das große Schweigen vor Gott, das Schweigen, das sich in Gebet verwandelt. Ich bitte euch: Seid mit mir! In Jasna Góra und überall. Hört nicht auf, dem Papst beizustehen, der heute mit den Worten des Dichters betet: »Mutter Gottes, schütze Tschenstochau und Ostra Brama!« Und dieselben Worte richte ich in diesem besonderen Augenblick auch an euch. [Der Papst sagte dann wieder auf italienisch:]

Dies war ein Aufruf und eine Einladung zum Gebet für den neuen Papst, ein Aufruf in polnischer Sprache. Mit demselben Appell wende ich mich an alle Söhne und Töchter der katholischen Kirche. Gedenkt meiner, heute und immer, in euren Gebeten! [Nach Grußworten in englischer und französischer Sprache wandte sich der Papst an die Pilger aus den deutschsprachigen Ländern und sagte:]

Einen herzlichen Gruß richte ich an die hier anwesenden Vertreter und alle Menschen aus den Ländern deutscher Sprache. Verschiedene Male – und erst kürzlich durch meinen Besuch in der Bundesrepublik Deutschland – hatte ich Gelegenheit, das segensreiche Wirken der Kirche und ihrer Gläubigen persönlich kennen – und schätzen zu lernen. Lassen Sie Ihren opferbereiten Einsatz für Christus auch weiterhin fruchtbar werden für die großen Anliegen und Nöte der Kirche in aller Welt. Darum bitte ich sie und empfehle meinen neuen Apostolischen Dienst auch Ihrem besonderen Gebet. [Es folgten Grußworte in Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Tschechisch, Ukrainisch und Litauisch. Wieder in italienischer Sprache schloß Johannes Paul II. seine Ansprache mit den Worten:]

Ich öffne das Herz für alle Brüder der christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Ich grüße insbesondere euch, die ihr hier zugegen seid, in der Hoffnung auf eine baldige persönliche Begegnung. Schon jetzt drücke ich euch meine aufrichtige Wertschätzung dafür aus, daß ihr dieser Feier beiwohnen wolltet.

Und schließlich wende ich mich an alle Menschen, an jeden Menschen (und mit welcher Ehrfurcht muß ein Apostel Christi dieses Wort »Mensch« aussprechen!):

betet für mich!

Helft mir, daß ich euch zu dienen vermag! Amen.

     

© Copyright 1978 - Libreria Editrice Vaticana

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. schreibt zum 100. Geburtstag seines Vorgängers einen Brief

Mark Mellett und Raylene Scarrott haben ein Lied zum Andenken an den Heiligen komponiert und den Text dazu verfasst. Sie nannten es "Lied für Karol":

Zum 100. Geburtstag

des heiligen Papstes Johannes Paul II.

(18. Mai 2020)

 

Am 18. Mai werden es 100 Jahre sein, daß Papst Johannes Paul II. in der kleinen polnischen Stadt Wadowice geboren wurde.

Polen, das sich mehr als 100 Jahre lang die drei umgebenden Großmächte Preußen, Rußland und Österreich untereinander aufgeteilt hatten, hatte am Ende des Ersten Weltkrieges seine Selbständigkeit wiedererlangt. Es war ein Aufbruch voller Hoffnung, aber auch voller Mühsale, weil der Druck der beiden Großmächte Deutschland und Rußland weiterhin auf dem sich neu organisierenden Staat lastete. In dieser Situation der Bedrängnis, aber vor allem der Hoffnung, wuchs der junge Karol Wojtyła auf, der freilich sehr früh seine Mutter, seinen Bruder und schließlich auch seinen Vater verlor, von dem er eine tiefe und warmherzige Frömmigkeit gelernt hatte. Der junge Karol war vor allem für die Literatur und für das Theater begeistert und machte sich nach der Reifeprüfung zunächst ans Studium dieser Fächer.

„Um der Deportation zu entgehen, begann er im Herbst 1940 in einem Steinbruch zu arbeiten, der zur Chemiefabrik Solvay gehörte.“ „Im Herbst 1942 faßte er endgültig den Entschluß, in das Priesterseminar von Krakau einzutreten, das Erzbischof Sapieha von Krakau geheim in seiner Residenz eingerichtet hatte. Schon als Fabrikarbeiter hatte er aus alten Lehrbüchern mit dem Studium der Theologie begonnen, so daß er am 1. November 1946 zum Priester geweiht werden konnte.“ Seine Theologie studierte er freilich nicht nur aus Büchern, sondern auch aus der konkreten Situation, die ihn und sein Land bedrängte. Dies ist irgendwie charakteristisch für sein ganzes Leben und Werk. Er studiert Bücher, aber er erlebt und erleidet die Fragen, die hinter dem Gedruckten stehen. So ist für ihn als jungen Bischof – seit 1958 Weihbischof, seit 1964 Erzbischof von Krakau – das II. Vatikanische Konzil eine Schule für sein ganzes Leben und Wirken geworden. Die großen Fragen, die vor allem im Zusammenhang mit dem sogenannten Schema 13 – der nachmaligen Konstitution Gaudium et Spes – sich stellten, waren seine persönlichen Fragen. Die im Konzil erarbeiteten Antworten zeigten ihm den Weg für sein Wirken als Bischof und später als Papst.

Als Kardinal Wojtyła dann am 16. Oktober 1978 zum Nachfolger des heiligen Petrus gewählt wurde, befand sich die Kirche in einer dramatischen Situation. Die Beratungen des Konzils waren in der Öffentlichkeit wie ein Streit um den Glauben selbst dargestellt worden, dem so sein Charakter der untrüglichen und unantastbaren Sicherheit genommen schien. Ein bayerischer Pfarrer kommentierte beispielsweise die Situation, indem er sagte: „Am Ende haben wir den falschen Glauben erwischt.“ Dieses Gefühl, daß es nichts Sicheres mehr gebe, daß alles in Frage stehe, wurde durch die Art, in der die Liturgiereform sich vollzog, weiter genährt. Am Ende schien auch in der Liturgie alles machbar zu sein. Paul VI. hatte mit Energie und Entschiedenheit das Konzil zu Ende geführt, sah sich aber nun nach dessen Ende immer drängenderen Fragen ausgesetzt, in denen letztlich die Kirche selbst in Frage stand. Soziologen haben die Situation der Kirche in jener Stunde verglichen mit der Situation der Sowjetunion unter Gorbatschow, in der im Versuch der notwendigen Reformen schließlich das ganze mächtige Gebilde des Sowjetstaats zusammenbrach.

So wartete auf den neuen Papst in der Tat eine menschlich kaum zu bewältigende Aufgabe. Aber es geschah vom ersten Augenblick an, daß Johannes Paul II. eine neue Begeisterung für Christus und seine Kirche weckte. Zunächst bleibt die Predigt zum Beginn seines Pontifikats mit dem Ruf „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“ Diese Tonart bestimmte letztlich sein ganzes Pontifikat und hat ihn zu einem befreienden Erneuerer der Kirche werden lassen. Voraussetzung dafür war, daß der neue Papst aus einem Land kam, in dem die Rezeption des Konzils positiv gewesen war: Nicht der Zweifel an allem war bestimmend, sondern die freudige Erneuerung von allem.

Der Papst hat in 104 großen Pastoralreisen die Welt durchwandert und überall das Evangelium als Freude verkündet und so auch seine Verpflichtung verständlich gemacht, für das Gute, für Christus einzutreten.

In 14 Enzykliken hat er den Glauben der Kirche wie ihre menschliche Weisung umfassend neu dargestellt. Daß er damit in den von Zweifeln erfüllten Kirchen des Westens Widerspruch ausgelöst hat, war unvermeidbar.

Heute scheint es mir wichtig, vor allem auf die eigentliche Mitte zu verweisen, von der aus die Botschaft der verschiedenen Texte zu lesen ist. Diese Mitte ist durch die Stunde seines Todes uns allen nachdrücklich vor Augen geführt worden. Papst Johannes Paul II. starb in den ersten Stunden des von ihm neu eingeführten Festes der göttlichen Barmherzigkeit. Lassen Sie mich da zunächst eine kleine persönliche Bemerkung einfügen, die etwas Wichtiges über Wesen und Wirken des Papstes sichtbar macht. Johannes Paul II. war von Anfang an von der Botschaft der Krakauer Nonne Faustina Kowalska tief berührt, die die göttliche Barmherzigkeit als wesentliche Mitte des christlichen Glaubens überhaupt herausstellte und ein Fest dafür gewünscht hatte. Der Papst hatte nach allen Beratungen dafür den Weißen Sonntag vorgesehen. Vor der endgültigen Entscheidung hat er aber das Urteil der Glaubenskongregation über die Angemessenheit dieses Datums erbeten. Wir haben Nein gesagt, weil wir der Meinung waren, daß ein so großes altes und inhaltlich gefülltes Datum wie das des Weißen Sonntags nicht mit neuen Ideen überfrachtet werden solle. Es ist dem Heiligen Vater gewiß nicht leicht gefallen, unser Nein anzunehmen. Aber er hat es in aller Demut getan und auch ein zweites Mal das Nein von unserer Seite akzeptiert. Schließlich hat er einen Vorschlag formuliert, der dem Weißen Sonntag seine historische Gestalt beläßt, aber die göttliche Barmherzigkeit in seine ursprüngliche Aussage einbezieht. Ähnliche Fälle hat es immer wieder gegeben, in denen mich die Demut des großen Papstes beeindruckt hat, der auf ihm lieb gewordene Ideen verzichtete, weil sie nicht die Zustimmung der amtlichen Organe fanden, die nach den klassischen Ordnungen dazu zu befragen sind.

Als Johannes Paul II. seine letzten Atemzüge auf dieser Welt getan hat, war gerade nach dem Gebet der Ersten Vesper das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit angebrochen. Es hat die Stunde seines Todes beleuchtet: Das Licht der Barmherzigkeit Gottes steht so als tröstende Botschaft über seinem Sterben. In seinem letzten Buch „Memoria e Identità“, das gleichsam am Vorabend seines Todes veröffentlicht wurde, hat der Papst die Botschaft vom göttlichen Erbarmen noch einmal zusammenfassend dargestellt. Er verweist darauf, daß Schwester Faustina noch vor den Schrecken des Zweiten Weltkriegs gestorben ist, aber schon die Antwort des Herrn auf all dieses Unerträgliche mitschenkte. Es war, als ob Christus durch Faustina habe sagen wollen: „Das Böse wird nicht den definitiven Sieg davontragen. Das Ostergeheimnis bekräftigt, daß das Gute letzten Endes siegreich sein wird, daß das Leben den Tod und daß die Liebe über den Haß triumphieren wird“ (S. 71).

Dem Papst ging es ein Leben lang darum, die objektive Mitte des christlichen Glaubens, die Lehre von der Erlösung, sich auch subjektiv zuzueignen und den anderen zueignungsfähig zu machen. Jedem einzelnen ist das Erbarmen Gottes durch den auferstandenen Christus zugedacht. Obwohl diese Mitte christlicher Existenz uns nur im Glauben geschenkt ist, ist sie doch zugleich auch philosophisch bedeutsam, denn wenn das Erbarmen Gottes kein Faktum ist, dann müssen wir uns mit einer Welt zurechtfinden, in der eine letzte Gegenkraft des Guten gegen das Böse nicht erkennbar ist. Schließlich ist über diese objektiv geschichtliche Bedeutung hinaus auch für jeden einzelnen unerläßlich zu wissen, daß am Ende das Erbarmen Gottes stärker als unsere Schwachheit ist. An diesem Punkt ist übrigens auch die innere Einheit der Botschaft von Johannes Paul II. und den Grundintentionen von Papst Franziskus zu finden: Johannes Paul II. ist nicht der moralische Rigorist, als den man ihn zum Teil hinstellt. Mit der Zentralität des göttlichen Erbarmens gibt er uns die Möglichkeit, den moralischen Anspruch an den Menschen anzunehmen, auch wenn er nie ganz von uns eingelöst werden kann. Und unser moralisches Mühen geschieht im Licht des göttlichen Erbarmens, das sich als heilende Kraft für unsere Schwachheit erweist.

Als Papst Johannes Paul II. starb, war der Petersplatz angefüllt mit Menschen, vor allem mit jungen Menschen, die ein letztes Mal ihrem Papst begegnen wollten. Unvergessen bleibt mir der Augenblick, in dem Erzbischof Sandri die Botschaft vom Heimgang des Papstes verkündete. Unvergessen bleibt vor allem auch der Augenblick, in dem die große Glocke von Sankt Peter diese Botschaft aufnahm. Am Tag des Begräbnisses waren viele Tafeln zu sehen, auf denen geschrieben stand „Santo subito!“ Es war ein Zuruf, der aus der Begegnung mit Johannes Paul II. von allen Seiten her aufstieg. Nicht von der Piazza, aber in verschiedenen intellektuellen Kreisen wurde der Gedanke diskutiert, Johannes Paul II. den Titel „der Große“ zuzulegen.

Das Wort „heilig“ weist auf die Sphäre Gottes, das Wort „groß“ auf die menschliche Dimension hin. Heiligkeit ist nach den Maßstäben der Kirche an zwei Kriterien erkennbar: heroische Tugenden und ein Wunder. Beide Maßstäbe sind eng miteinander verwandt. Denn das Wort „heroische Tugend“ besagt nicht eine Art von olympischer Leistung, sondern bedeutet, daß in und durch einen Menschen sichtbar wird, was nicht aus dem Eigenen kommt, sondern was Gottes Wirken in und durch ihn erkennbar werden läßt. Es geht nicht um einen moralischen Wettbewerb, sondern um den Verzicht auf die eigene Größe. Es geht darum, daß ein Mensch Gott an sich wirken läßt und so durch ihn hindurch Gottes Wirken und Macht sichtbar werden.

Das Gleiche gilt von dem Kriterium Wunder: Auch hier geht es nicht darum, daß Sensationelles geschieht, sondern darum, daß Gottes heilende Güte sichtbar wird in einer Weise, die die bloß menschlichen Möglichkeiten überschreitet. Der Heilige ist der auf Gott hin offene, von Gott durchdrungene Mensch. Heilig ist derjenige, der von sich wegführt und uns Gott sehen und erkennen läßt. Dies, soweit es geht, rechtlich zu überprüfen, ist Sinn der beiden Prozesse für Selig- und Heiligsprechungen. Beide wurden bei Johannes Paul II. streng nach den geltenden Regeln durchgeführt. So steht er nun vor uns als Vater, der uns Gottes Barmherzigkeit und Güte sichtbar macht.

Schwieriger ist es, den Begriff „groß“ recht zu definieren. Im Lauf der fast 2000-jährigen Geschichte des Papsttums hat sich nur für zwei Päpste der Titel „der Große“ durchgesetzt, für Leo I. (440 – 461) und für Gregor I. (590 – 604). Das Wort „groß“ hat bei beiden einen politischen Anklang, aber in einer Weise, daß durch politischen Erfolg hindurch etwas vom Geheimnis Gottes selbst sichtbar wird. Leo der Große hat im Gespräch den Hunnenfürsten Attila davon überzeugen können, Rom – die Stadt der Apostelfürsten Petrus und Paulus – zu verschonen. Ohne Waffen, ohne militärische oder politische Macht hat er durch die Kraft seiner Überzeugung für seinen Glauben dem gefürchteten Tyrannen die Schonung Roms abringen können. Im Ringen von Geist und Macht hat der Geist sich als stärker erwiesen.

Gregor I. hat zwar keinen ähnlichen spektakulären Erfolg gehabt, aber doch Rom immer wieder vor den Langobarden zu schützen vermocht – auch hier Geist gegen Macht stellend und den Sieg des Geistes errungen.

Wenn man beider Geschichte mit der von Johannes Paul II. vergleicht, ist die Ähnlichkeit unverkennbar. Auch Johannes Paul II. verfügte über keinerlei militärische oder politische Macht. Bei der Beratung über die künftige Gestalt Europas und Deutschlands im Februar 1945 wurde bemerkt, daß man auch die Reaktion des Papstes mitbedenken solle. Da habe Stalin gefragt: „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ Nun, er hatte keine Division zur Verfügung. Aber die Kraft des Glaubens erwies sich als eine Macht, die schließlich 1989 das sowjetische Machtsystem aus den Angeln hob und einen neuen Anfang ermöglichte. Daß der Glaube des Papstes ein wesentliches Element im Umbruch der Mächte gewesen ist, ist unbestritten. Und so ist sicher auch hier jene Größe sichtbar, die bei Leo I. und bei Gregor I. in Erscheinung getreten ist.

Ob nun der Beiname „der Große“ sich durchsetzen wird oder nicht, lassen wir offen. Richtig ist, daß in Johannes Paul II. die Macht und Güte Gottes uns allen sichtbar geworden sind. In einer Stunde, in der die Kirche unter der Bedrängnis des Bösen neu zu leiden hat, ist er uns ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht.

Lieber heiliger Johannes Paul II., bitte für uns!

 

Benedikt XVI.

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